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Beim Alb-Jogi

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Jürgen Thiel ist Motorrad-Mensch durch und durch – und einer der Pioniere der Szene-Gastronomie. Vor 38 Jahren eröffnete er das Kneip-o-rant „Ställe“, eine Institution der süddeutschen Motorradszene.

Kneip-o-rant“ – die Wortkreation steht für ein Lokal mit dem Charme einer Biker-Kneipe und dem Angebot eines Restaurants. Im Sommer kommen die Motorradfahrer am Wochenende aus nah und fern. Die Maschinen stapeln sich auf dem Parkplatz und entlang der Hauptstraße, die Besucher verteilen sich auf Kneipe, Biergarten, Grillplatz und Terrasse.

Es ist das bunte Treiben eines typischen Moppedtreffs: Sehen und gesehen werden, kommen, essen, quatschen, weiter fahren. Als ich das Ställe im Winter besuche, ist vom Trubel nichts zu spüren, Heimeligkeit liegt in der Luft. Als Motorradfahrer fühlt man sich sofort zuhause: Kerzen an einem Konstrukt aus alten Getriebeteilen tauchen den Schankraum in weiches Licht, auf den Tischen stehen Speisekartenhalter aus alten BMW-Zylinderköpfen, der Gerstensaft fließt durch eine Zapfanlage im GSX 750-Vierzylinder. An einer Wand scheint eine GS 750 in den Raum zu springen – die Reste einer alten Maschine von Chef Jürgen „Jogi“ Thiel.

Fotos an den Wänden laden ein, durch die verwinkelten Räume zu schlendern. Jedes erzählt eine Geschichte. Jogi auf der Rennstrecke, Jogi im Gelände, Jogi in der Wüste, Jogi im Krankenhaus. „Das war nach einem Vierstunden-Rennen von Moto Aktiv, irgendwann in den Achtzigern“, erzählt der Chef des Hauses drauflos. „In der schnellen Rechts bin ich einfach gestürzt. Schulter kaputt, fast ein Jahr im Krankenhaus“, sagt er und lässt die rechte Schulter kreisen. Den Arm kann Jogi bis heute nicht richtig bewegen. Was den 63-Jährigen nicht daran hindert, sieben Tage die Woche als „Mädchen für alles“ im Einsatz zu sein: Er schwingt Hammer, Kochlöffel und Trockentuch gleichermaßen gekonnt, und das seit 38 Jahren.

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Allerhand: Jogi ist seit 38 Jahren 365 Tage im Einsatz

Jogis Karriere als Motorradwirt begann in den Siebzigern, nachdem der damals 25-Jährige seine Lehre als Kfz-Mechaniker abgeschlossen hatte. „Ich fahre Motorrad, seit ich 16 bin, und gehörte zu einer eingeschworenen Clique. Als wir das Ställe eröffneten, kam nur eine Motorradkneipe infrage.“ Für damalige Zeiten eine Sensation, denn Motorradfahrer galten noch als ungehobeltes Pack. Trotzdem gab es nie Stress mit Gästen, Anwohnern oder Behörden. „Ganz früher diente die Wirtschaft am Rand der Schwäbischen Alb als Postwechselstation. Hier war ein wirtschaftlicher Knotenpunkt.“ Die Briefboten tauschten ihre ermatteten Zugtiere für den Albaufstieg gegen frische Pferde oder Ochsen. Als die Bahn den Job der Kutschen übernahm, flog mit den letzten Pferdeäpfeln auch das Beamtentum aus dem Haus und mit einem Bahnhofsrestaurant zog gesellige Fröhlichkeit ein. Weil der Schwabe als solcher „zu faul zum Sprechen ist, wurde so aus „Reschdauradion“ des Schdälle“, schwäbelt Jürgen.

Jürgen eröffnete das Kneip-o-Rant,
als Motorradfahrer noch den Ruf der wilden Rocker hatten



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„Natürlich kann ich nicht ewig so werkle“, sagt Jogi. Wie gut, dass mit Tochter Harriet die nächste Generation in den Startlöchern steht. Die gelernte Schauwerbegestalterin ist quasi mit dem Ställe aufgewachsen, eines Tages soll sie den Laden übernehmen. Bis es soweit ist, managed die 29-Jährige ab den frühen Morgenstunden das Catering. In Spitzenzeiten liefert das 15-köpfige Team bis zu 600 Essen an alte Leute und Schulen aus. Seine komprimierten, aber intensiven Auszeiten nimmt sich der Chef auf dem Motorrad. Viele Jahre lang hat er geführte Touren angeboten. Seit 1989 fährt er Rennen, seit 15 Jahren ist er Instruktor und nur noch auf der Rennstrecke unterwegs. Allein letztes Jahr war er 20 Tage als Trainer im Einsatz.

Erfahrung bringt er reichlich mit: In seinen wilden Jahren fuhr er bei der Eiskristallrally zum Nordkap und kämpfte sich auf der Trans-España durch Andalusien. 1986 fuhr Jogi mit einem Kumpel auf einem Gespann-Eigenbau mit FJ-Motor bei der Paris-Dakar mit. „Immerhin, mir haben es bis in die Wüste g’schafft. Aber dann isch uns in der Sahara bei In Salah einfach die Gabel wegbroche und desch wars.“

Sein liebstes Motorrad ist bis heute seine Jugendliebe, die Suzuki GS 750. „Das war mein erschdes richtig großes Motorrad nach den 250ern. Damals war die Suzuki DAS Hölleteil!“ Ein Exemplar steht noch heute in seiner Garage, genauso wie seine alte Zündapp und sein Besteck für schnelle Runden, S 1000 RR und eine GSX-R 1000.

Ehe ich mich wieder auf den Weg mache, muss ich unbedingt einen Ställe-Klassiker probieren: Jogis Kässpätzle. Prädikat: Saulecker und extrem sättigend. So ist man bestens gerüstet für schweißtreibende Stunden Sattel.

Bericht von Sophie Leistner, Motorrad News 02/2020, Fotos Leistner, Ställe